(Joh 12:12-19 / Jes 40:1-2; 9-10 / Sach 9:9-12)

Bibeltext

Johannes 12,12-19 - Einzug in Jerusalem

12 Am folgenden Tag, als die große Volksmenge, die zu dem Fest gekommen war, hörte, dass Jesus nach Jerusalem komme, 13 nahmen sie die Palmzweige und gingen hinaus, ihm entgegen, und schrien: Hosanna! Gepriesen ⟨sei⟩, der da kommt im Namen des Herrn, und der König Israels! 14 Jesus aber fand einen jungen Esel und setzte sich darauf, wie geschrieben steht: 15 »Fürchte dich nicht, Tochter Zion! Siehe, dein König kommt, sitzend auf einem Eselsfüllen.« 16 Dies verstanden seine Jünger zuerst nicht; jedoch als Jesus verherrlicht war, da erinnerten sie sich, dass dies von ihm geschrieben war und sie ihm dies getan hatten. 17 Es bezeugte nun die Volksmenge, die bei ihm war, dass er Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn aus den Toten auferweckt hatte. 18 Darum ging ihm auch die Volksmenge entgegen, weil sie hörten, dass er dieses Zeichen getan hatte. 19 Da sprachen die Pharisäer zueinander: Ihr seht, dass ihr gar nichts ausrichtet; siehe, die Welt ist ihm nachgegangen.

Erste Gedanken

Der Einzug in Jerusalem ist ein erstes glorreiches Kommen des Messias in die Stadt Gottes. Während der Adventszeit erwarten wir ebenfalls das Kommen Jesu und bereiten uns darauf vor, ihm zu begegnen. Sein erstes Kommen geschah vor 2000 Jahren, als der Sohn Gottes als Kind in Bethlehem zur Welt kam. Das nächste Mal kommt er für seine Gemeinde, um sie bei der Entrückung zu sich zu holen.

Doch was bedeutet es, wenn der Messias wiederkommt? Welche Erwartungen haben wir, und entsprechen sie dem, was Jesus wirklich bringen will? Wie bereiten wir uns auf sein Kommen vor? Das sind Fragen, die wir uns heute stellen dürfen. Doch zuerst wollen wir uns mit diesem Einzug in Jerusalem beschäftigen.

Eine ansteckende Euphorie

Das Passahfest stand bevor, und viele Menschen kamen nach Jerusalem, um es zu feiern. Als sie hörten, dass Jesus auf dem Weg in die Stadt war, brach spontan eine Welle der Begeisterung aus. Mit Palmzweigen in den Händen strömten sie ihm entgegen und riefen voller Freude: „Hosanna!"

Die Stadt war brechend voll mit Pilgern aus dem Ausland, die die Straßen und Plätze füllten. Die Nachricht von der Auferweckung des Lazarus hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Viele wollten diesen Jesus mit eigenen Augen sehen. Die Atmosphäre war elektrisch geladen – eine Mischung aus messianischer Erwartung und festlicher Vorfreude.

Es entstand eine Art Masseneuphorie. Alle fühlten sich stark und waren von der Hoffnung erfüllt, dass Jesus als prophezeiter Messias ein „ewiges Friedensreich" aufrichten und die Juden von der römischen Vorherrschaft befreien würde.

Jesus hatte einen Toten, der schon vier Tage im Grab lag, wieder lebendig gemacht und darum konnte es keinen Zweifel daran geben, dass er jetzt als König Israels seine Herrschaft aufrichten würde. Schließlich hatte niemand zuvor solche Wunder vollbracht wie er.

Die Erwartungen stiegen beinahe ins Unermessliche. Doch das birgt eine große Gefahr: Je konkreter unsere Erwartungen sind, desto größer wird die Enttäuschung, wenn der HERR es anders macht als gedacht. Vom Ziel her betrachtet macht Gott es immer noch viel besser und schöner, als wir es heute erwarten können. Aber der Weg dorthin verläuft praktisch immer anders als gedacht.

Und genau das war auch das Problem der Juden während des Einzugs in Jerusalem. Sie dachten, dass Jesus jetzt sofort das Reich Gottes aufrichten und sie von der römischen Besatzung befreien würde. Doch Jesus hatte einen ganz anderen Plan – einen Plan, der durch Leiden und Kreuz zum wahren Sieg führen sollte.

Gottes Plan stand in scharfem Kontrast zu den Erwartungen der Menschen. Kaum jemand rechnete damit, dass der Messias Israels sich schlagen, verurteilen und kreuzigen lassen würde. Als er dann blutüberströmt und mit einer Dornenkrone vor Pilatus stand, dachten wahrscheinlich alle Anwesenden: Das kann unmöglich unser Messias sein! Offensichtlich haben wir uns vor ein paar Tagen geirrt!

Allerdings muss man beachten, dass vermutlich eine Mehrheit der Menschen vor Pilatus Jesus bereits beim Einzug in Jerusalem gehasst hatte. Früh morgens versammelten sich dort vor allem die Pharisäer, Schriftgelehrten und Priester. Wahrscheinlich waren auch andere Gegner Jesu anwesend. Der Feind Gottes sorgte dafür, dass vor allem diejenigen da waren, die im Brustton der Überzeugung schrien: „Kreuzigt ihn!" Dadurch kippte die allgemeine Stimmung in der Bevölkerung sehr schnell!

Das alles zeigt, wie kurzlebig eine Masseneuphorie ist. Wir sollten uns nie von ihr anstecken lassen – ganz egal, wie berechtigt sie scheint. Beim Einzug in Jerusalem hatten die Menschen zwar recht, dass Jesus der verheißene Messias war. Doch sie täuschten sich darin, was er als Nächstes tun würde.

Hosanna! Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn

Das hebräische Wort „Hosanna" bedeutet „Hilf doch!" oder „Rette doch!" und war ursprünglich ein Hilferuf an Gott. Im Laufe der Zeit wurde es zu einem Jubelruf, der die Hoffnung auf göttliche Rettung ausdrückte. Die Menge zitierte Psalm 118,25–26, einen messianischen Psalm, der die Ankunft des verheißenen Retters ankündigte. Der Kontext aus Psalm 118 ist sehr bemerkenswert. Ab Vers 20 heißt es:

20 Dies ist das Tor des HERRN. Gerechte ziehen hier ein. 21 Ich will dich preisen, denn du hast mich erhört und bist mir zur Rettung geworden. 22 Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. 23 Vom HERRN ist dies geschehen, es ist ein Wunder vor unseren Augen. 24 Dies ist der Tag, den der HERR gemacht hat! Seien wir fröhlich und freuen wir uns in ihm! 25 Ach, HERR, rette doch (hebr. hoschiah-na)! Ach, HERR, gib doch Gelingen! 26 Gesegnet sei, der kommt im Namen des HERRN. Vom Haus des HERRN aus haben wir euch gesegnet. 27 Der HERR ist Gott. Er hat uns Licht gegeben. Bindet das Festopfer mit Stricken bis an die Hörner des Altars!