Das Urteil Gottes über die Reden der Freunde Hiobs ist vernichtend. Im Vers 7 des letzten Kapitels heißt es: "Und es geschah, nachdem der HERR jene Worte zu Hiob geredet hatte, da sprach der HERR zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt gegen dich und gegen deine beiden Freunde: Denn ihr habt über mich nicht Wahres geredet wie mein Knecht Hiob." (Hi 42:7)
Die Reden der Freunde Hiobs waren also falsch, und trotzdem nehmen sie in diesem Buch so viel Raum ein! Man fragt sich, weshalb diese Reden im "Wort Gottes" zu finden sind, obwohl sie als unzutreffend deklariert wurden. Wieso sollte man diese Reden überhaupt beachten, wenn sie doch nachweislich falsch sind? Vor allem wird es dann problematisch, wenn man Passagen ihrer Reden zitiert, ohne auch auf den Textzusammenhang hinzuweisen.
Die Freunde Hiobs machten auch sehr viele einzelne Aussagen, die nicht direkt mit dem Schicksal Hiobs in Verbindung stehen, und da stellt sich ebenfalls die Frage: "Wie sollen wir diese Aussagen einordnen? Kann man sie überhaupt ernst nehmen, wenn doch Gott selbst sagte, dass sie Falsches gesagt haben?" Wenn z.B. Elifas behauptet, dass Gott seinen Engeln Irrtum zur Last legt, ist dann diese Aussage falsch oder ist sie trotzdem zutreffend? Ich glaube, dass diese Aussage richtig ist; vor allem wenn ich an Psalm 82 denke! (Hi 4:18 / Ps 82)
Die Freunde Hiobs sagten Dinge, die in vielen Fällen richtig sind, aber in Bezug auf Hiob waren sie schlichtweg falsch! Es ist biblisch richtig, dass derjenige, der Böses sät, auch irgendwann einmal das Unheil ernten und ein schweres Gericht erleiden wird; auch wenn das Unheil erst nach dem irdischen Leben eintritt, wie das beim reichen Mann aus Lukas 16 ersichtlich wird. (Gal 6:7 / Lk 16:19-31) Die Freunde Hiobs haben aber einen Umkehrschluss gemacht, der in Bezug auf Hiob völlig falsch war! Sie dachten, jedes Unheil sei die Folge einer offensichtlichen oder verborgenen Sünde, und diese Schlussfolgerung war ein fataler Irrtum, der das Leid Hiobs noch vergrößerte!
Die Reden der Freunde Hiobs stehen u.a. deshalb in der Bibel, weil sie unser "falsches Denken" über Gott offenbaren! Selbst die Jünger Jesu, die das Buch Hiob kannten, zogen noch falsche Schlüsse, als sie Jesus in Bezug auf den Blindgeborenen fragten: "Rabbi, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren wurde?" Jesus antwortete ihnen: "Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern damit die Werke Gottes an ihm offenbart werden. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt." (Joh 9:2-5)
Die Reden der Freunde Hiobs enthalten also viele grundsätzliche "Wahrheiten", aber sie vermitteln ein falsches Gottesbild, und ich denke, wir können gerade in diesen Reden unser eigenes fehlerhaftes Gottesbild entdecken und somit auch entlarven! Darum sind diese Reden so wichtig! (Röm 11:33-34 / Jes 55:8-9)
| Thema | Hiob | Elifas | Bildad | Zofar | Elihu |
|---|---|---|---|---|---|
| Charakter | Hiob war gottesfürchtig, rechtschaffen, untadelig und mied das Böse. Er war ausdauernd, geduldig und hielt an seinem Glauben fest. Er vermutete, dass Gott ihn für irgendeine Sache „bestrafte“: Doch trotz intensiver Suche, war er sich keiner Schuld bewusst. Daher wollte er sich vor Gott rechtfertigen (Hi 23:4-10). Er behauptete, Gott behandle ihn ungerecht (Hiob 19,6-7). | Elifas war erfahrungsorientiert. Er stützte sich auf etablierte Weisheit und Lehren: „Gott straft keine Unschuldigen.“ (Hi 4) Zu Beginn war er eher sanft und respektvoll, gegen Ende jedoch direkter und härter. Er bezichtigte Hiob sogar der Bosheit und Rücksichtslosigkeit. (Hi 22:5-9). | Bildad war traditionsorientiert, direkt, kompromisslos und eher undifferenziert (Hi 8:2-10). Er war streng und undiplomatisch und verwendete häufig Metaphern und Vergleiche. Jede Auswirkung hat ihre Ursache. Den Ruchlosen bestraft Gott, und den Gottesfürchtigen belohnt er! Indirekt sagt er daher, dass Hiob ein Übeltäter sein muss. (Hi 8:11-19). | Zofar war impulsiv, direkt, emotional, dogmatisch und streng. Die Reden Hiobs waren in seinen Ohren wie ein Hohn (Hi 11:3-4 / Spr 18:2). Er war von großer Selbstsicherheit geprägt und verwendete lebhafte sowie drastische Bilder (Hi 11:7-12 / Hi 20:12-16). | Elihu, der jüngste Redner (Hi 32:6-7), wurde weder von Hiob noch von Gott direkt beurteilt. Er war eifrig und selbstbewusst (Hi 32:8-10), kritisierte beide Seiten und bot neue Perspektiven (Hi 32:3-5). Elihu argumentierte tiefgründig, betonte Gottes Souveränität (Hi 34:10-12, Hi 36:22-26), wirkte aber auch etwas hochmütig (Hi 36:3-4). |
| Ein Vergleich | Hiob lebte vorbildlicher als seine Freunde und war der unmittelbar Betroffene (Hi 1:1 / Hi 2:3). Dadurch beurteilte er alles ganz anders. Wie seinen Freunden war aber auch ihm verborgen, was Gott mit seinem Leid beabsichtigte (Hi 42:3 / Röm 11:33). Die Tatsache, dass Gott lange schwieg, war für ihn kaum auszuhalten (Hi 30:20 / Ps 22:2). | Die Reden von Elifas waren ausführlicher, länger und detaillierter (Hi 4-5, Hi 15, Hi 22). Er betrachtete seine nächtliche Vision als Quelle der Weisheit (Hi 4:12-16). Elifas war ausgewogener und bot Hiob neben der Kritik auch Ermutigung und Hoffnung (Hi 5:17-27 / Spr 3:11-12). Gegen Ende jedoch verlor er seine Geduld und wurde in seinen Anschuldigungen härter (Hi 22:5-11 / Jak 1:19-20). | Die Reden von Bildad waren kürzer und prägnanter, aber auch weniger persönlich (Hi 8:1-22 / Hi 18:1-21). Seine Argumente waren oft einfacher strukturiert als die von Elifas (Hi 18:5-21). In späteren Reden wurde er zunehmend schärfer in seiner Kritik an Hiob (Hi 18:2-4 / Spr 15:1). | Zofar war sehr dogmatisch: Er vertrat die strengste Form der Vergeltungslehre unter den Freunden (Hi 20:4-5 / Ps 73:12-14). Er war am explizitesten in seinen Vorwürfen gegen Hiob (Hi 11:6 / Spr 15:4). Seine Reden waren einfacher strukturiert (Hi 20:4-29 / Jak 3:17-18). An der letzten Gesprächsrunde beteiligt er sich nicht. | Elihu bietet eine alternative Sichtweise auf das Leid (Hi 33:19-30). Er verhält sich gegenüber Hiob respektvoller (Hi 33:1-7) und betont die erzieherische Rolle des Leidens (Hi 36:8-12). Seine Ausführungen über Gottes Größe bereiten den Weg für Gottes eigene Rede vor (Hi 36-37). |
Folgende Charakterzüge Hiobs lassen sich erkennen:
Hiobs Charakter zeigt sich als komplex und vielschichtig. Er ist ein Mensch, der trotz tiefsten Leidens an seinem Glauben festhält, dabei aber auch mit Gott ringt und Fragen stellt. Seine Integrität und sein Festhalten an der Wahrheit, selbst angesichts des Drucks seiner Freunde, sind bemerkenswert.